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10.01.2022

Triage

Pressemeldung

Gibt es die diskriminierungsfreie Triage?

Das Bundesverfassungsgericht hat ein Gesetz gefordert, dass Menschen mit Behinderungen nicht benachteiligt werden dürfen, wenn es zu einer Triage kommen sollte. Am Beispiel Corona heißt das, wenn Intensivstationen mit Covid 19 Patienten so überlastet sein sollten, dass entschieden werden muss, wer behandelt werden kann und wer nicht. Diese Antidiskriminierung bezieht sich natürlich nicht nur auf Behinderte, sondern es gilt ganz allgemein 'es darf nicht diskriminiert werden.' Werden hier nicht die Möglichkeiten des Gesetzgebers überschätzt? Unterschätzt werden auf jeden Fall die fachkompetente Entscheidungsfähigkeit von Krankenschwestern, Pflegern und
Ärzt*innen.

Zum Glück hat, unserem robusten Gesundheitssystem sei Dank, die beschriebene Triagierung in Deutschland noch nicht stattgefunden. Zumindest ist mir kein Triage-Fall bekannt. Was es schon gibt ist ein Rundschreiben des Landkreises Tuttlingen, nachzulesen auf unserer Homepage www.landesseniorenvertretung-rlp.de. Dieses lässt sich so interpretieren, dass Patienten mit höherem Alter möglichst aus den Krankenhäusern herausgehalten werden
sollen, um dort das Personal nicht zu überfordern - das würde an verfassungswidrige Altersdiskriminierung grenzen.

Unser Grundgesetz garantiert uns die Unantastbarkeit der Menschenwürde. Alle dazu getroffenen Aussagen sind bislang nachvollziehbar sehr abstrakt. Damit soll jetzt aber Schluss sein. Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass Menschen mit Behinderung nicht benachteiligt werden dürfen bei der Verteilung pandemiebedingter knapper intensivmedizinischer Behandlungsressourcen und verlangt von Regierung und
Bundestag ein Gesetz, das klare Regeln vorgibt, wie individuelle menschliche Entscheidungssituationen typisiert und normiert werden sollen. Das Bundesverfassungsgericht bringt mit dieser Forderung nach einem Gesetz ein Misstrauen in die Fähigkeiten der multiprofessionellen Teams in Krankenhäusern und Ethikkomitees zum Ausdruck.

Die Frage, ob es eine diskriminierungsfreie Triage überhaupt gibt, muss an dieser Stelle erlaubt sein. Das Funktionieren einer Triage basiert auf Unterscheiden und Selektieren unter Berücksichtigung der aktuellen und kurzfristigen Überlebenswahrscheinlichkeit. Die letztendliche Entscheidung basiert auf ärztlicher Erfahrung und nicht auf einem Gesetzestext. In der Folge der Entscheidung werden dann bestimmte Fälle (Menschen) nicht weiter
behandelt oder erst gar nicht stationär aufgenommen, sie werden diskriminiert.

In einem Gesetzestext müssten medizinische Kriterien für eine Triage explizit genannt werden, was schon alleine deshalb nicht funktionieren kann, weil sich in der Regel der medizinische Befund eines Patienten dauernd ändern kann, heraus aus einer hoffnungslosen, hinein in eine hoffnungsvolle Situation.

Eine Lösung kann m.E. nur das Mehr-Augen-Prinzip sein, welches eingeführt wurde zur Verhinderung von Manipulationen bei der Organvergabe. Ärzt*innen wären in extremen Triage-Situationen nicht mehr alleine beim Treffen von folgeschweren Entscheidungen.

San.-Rat Dr. med. Günter Gerhardt
Vorstandsvorsitzender LSV RLP e. V.